Das Kernstück der Sudeten, seine höchste
und eigenartigste Berglandschaft, ist das Riesengebirge; jener Grenzwall, dessen
parallele Doppelkette Schlesien von Böhmen trennt, dorthin steil abfallend,
hierher sanfter ausschwingend. Im Riesengebirge ist die Sagengestalt des "Rübezahls"
zu Hause; jener launische, unberechenbare Beherrscher des Gebirges, der in vielerlei
Gestalt strafend oder segnend, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt,
sich den Menschen zeigt.
Der Herr der Berge hat viele Residenzen in seinem ober- und unterirdischen Doppelreich.
Die erhabenste von allen aber ist die Schneekoppe. Diese Gipfelkrone von 1603
Metern Höhe findet auf ihrem Meridian bis zum nördlichen Norwegen und auf ihrem
Breitengrad bis ins tiefste Sibirien keinen ebenbürtigen Partner. Ihr gewaltiger
Kegel, über den mittendurch die Grenze zwischen Schlesien und Böhmen läuft,
ist der Wegweiser aller Wanderer. Nahezu zweihundert Kilometer im Umkreis beherrscht
das Auge von der Schneekoppe aus; bei sehr günstigen Luftverhältnissen kann
man im Westen die Spitzen der Prager Burg oder im Osten den Turm der Elisabethkirche
in Breslau sehen.
In den Sommermonaten eignete sich die Landschaft als gesuchte Sommerfrische
für Feriengäste aus Prag, Breslau und Berlin. In den Wintermonaten war die Bergwelt
ein Paradies für den Rodel- und Skisport und Austragungsort internationaler
Wettkämpfe.
Die Kargheit der Natur und das unwirtliche Klima zwangen die Menschen an den
südlichen Abhängen des Riesengebirges über die Jahrhunderte hinweg zu harter
täglicher Arbeit. Die Riesengebirgler waren ein schwerblütiger Menschenschlag,
dabei besonnen und selbst- bewusst. Mit Fleiß und Zähigkeit gingen sie ihrer
Arbeit nach und beurteilten nüchtern und gelassen die Geschehnisse der Welt.
Unter ihrer rauhen Schale verbargen sich Ehrlichkeit und Redlichkeit. Ihr Denken
war konservativ und von einfacher, tiefer Frömmigkeit geprägt. Selbstbewusst
verschlossen sie sich jedem fremden Einfluss. Über sich ließen sie nur Gott
und den Kaiser gelten. Wallenstein, eine der mächtigsten und zugleich rätselhaftesten
Figuren der Weltgeschichte, war in diesem Landstrich zu Hause.
Die Eingangspforte zum Riesengebirge ist die Kreisstadt Trautenau. Nie stand
die Stadt im eigentlichen Brennpunkt des Weltgeschehens. Nur selten finden sich
in den Geschichtsbüchern Hinweise auf sie. Doch prägte Trautenau entscheidend
die Entwicklung ganz Nordböhmens. Seine Geschichte spiegelt über weite Strecken
die Historie Österreichs wieder und das wechselvolle Schicksal der Riesengebirgsstadt
könnte Schlüssel sein zum besseren Verständnis der historischen Ereignisse,
die heute oftmals sehr einseitige Betrachtung finden. Lange Zeit besaß Trautenau
die unbestrittene Vorherrschaft im europäischen Flachs- und Leinenhandel, und
so war es trotz seiner geographischen Abgeschiedenheit seit dem Mittelalter
durch den Leinwandhandel immer eng mit der Welt verbunden. Von hier gingen Garn
und Leinen nicht nur in die Alpenländer, sondern auch nach Italien, England
und Spanien, später bis nach Asien und Amerika. Aber auch der alte Handelsweg
an den südlichen Abhängen des Riesengebirges, der Böhmen mit Schlesien verband,
brachte eine Fülle von Anregungen ins Land und schärfte den Weitblick der Menschen,
die hier lebten.
Deutsch kolonisiert wurde das Riesengebirge unter dem böhmischen König Przemysl
Ottokar II. (1253 1278). Bereits 1271 war hier ein "Hospital auf der
Au" gegründet worden, das der Hospital-Ritterorden vom Grabe Christi betreute.
König Wenzel II. (1278 1305) bestätigte die Schenkung. In dieser Schenkungsurkunde
ist Trautenau erstmals erwähnt. Böhmenkönig Johann von Luxemburg (1310
1346), Vater des späteren Kaisers Karl IV., erhob im Jahre 1340 Trautenau zur
Stadt. Im Jahre 1526 fielen die Länder Böhmen (und hiermit auch das Riesengebirge),
Mähren, Ungarn und Kroatien durch Erbvertrag an Österreich. Viele Jahrhunderte
lebten Deutsche und Tschechen in Böhmen friedlich nebeneinander. Im Riesengebirge
selbst wohnten fast ausschließlich nur Deutsche.
Aus der 700-jährigen Geschichte Trautenaus sei noch erwähnt, dass im Preußisch-Österreichischen
Krieg 1866 das einzige siegreiche Gefecht für die Österreicher bei Trautenau
stattfand.
Mit dem Ende des ersten Weltkrieges im Jahre 1918 brach das Habsburgerreich
zusammen und die Tschechen gemeinsam mit den Slowaken gründeten den neuen Staat
"Tschechoslowakische Republik", gegen den Willen der dort lebenden 3,5 Millionen
Sudetendeutschen. Den Sudetendeutschen wurde das Selbstbestimmungsrecht verweigert.
Die Sudetendeutsche Partei forderte in permanenten Verhandlungen zuerst Autonomie,
dann Selbstbestimmungsrecht innerhalb der Tschechoslowakei. Jedoch stieß sie
in Prag nur auf Ablehnung.
Ab 1933 durch die nationalsozialistische Politik Hitlers verschärfte sich die
Forderung zur Loslösung der Gebiete. Die Spannungen innerhalb der Tschechoslowakei
führten zu Verhandlungen zwischen England, Frankreich, Italien und Deutschland.
Am 20. September 1938 erklärte sich die Prager Regierung, die nicht an den Verhandlungen
beteiligt war, mit der Abtretung des Sudetenlandes an Deutschland notgedrungen
einverstanden. Am 29. September 1938 wurde das sogenannte "Münchner Abkommen"
unterzeichnet. Die Freude der Sudetendeutschen über die Zugehörigkeit zum deutschen
Mutterland war groß. Jedoch gerade 11 Monate dauerte der Frieden. Der Landkreis
Trautenau zählte nach der Volkszählung vom 17. Mai 1939 genau 100 politische
Gemeinden mit 76.376 Einwohnern, unter ihnen die Kreisstadt Trautenau mit 14.811
Einwohnern. Die Bevölkerung war zu 95% katholisch und zu 5% evangelisch.
Das Ende des zweiten Weltkrieges im Mai 1945 brachte auch der Landschaft des
Riesengebirges weder Frieden noch Freiheit. Als die Waffen schon ruhten begann
die dunkelste und leidvollste Phase ihrer Geschichte. Die planmäßige Entrechtung
der deutschen Bevölkerung war begleitet von willkürlichen Verfolgungen und Misshandlungen
durch die tschechischen Nationalgarden. Wer das Martyrium überlebte, wurde in
den Jahren 1945 1946 aus der Heimat vertrieben. 214.000 Sudetendeutsche
verloren auf grausame Weise bei diesem Gewaltakt ihr Leben. Viele waren danach
seelisch verstümmelt, andere waren zerbrochene Menschen.
Nur wenige Deutsche wurden als Zwangsarbeiter in den Bergwerken von Radowenz
und Schatzlar zurückbehalten. Doch auch sie verließen in den Jahren 1966
1968 als sogenannte Spätaussiedler ihre Heimat. Zurückgeblieben waren Gräber
und ein toter entvölkerter Landstrich mit der Stadt Trautenau, die einst geistiger
und kultureller Mittelpunkt Nordböhmens gewesen war.