
Prof. Dr. phil. Josef Mühlberger wurde
am 03. April 1903 in Trautenau geboren. Als Sohn eines deutschen Vaters und
einer tschechischen Mutter war er mittelbarer Zeuge der gewaltigen Veränderungen
in unserer Heimat in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Im Schöße
der Familie, in der er aufwuchs, erfuhr er aber nicht das Trennende, sondern
das Verbindende der beiden Völker in Böhmen. Seine Erzählungen wollen nicht
nur beklagen, sie wollen zugleich warnen, in der Form des Dichterischen. So
viel inneres und äußeres Leid und Elend, das jene entfesselte Zeit bloßlegte
sollte sich ihm die Dichtung verschließen? Der Dichter fühlt sich aufgerufen,
zum geistigen Brückenbauer zu werden, der die getrennten Ufer wie die Gegensätze
der Völker versöhnend überwölbt. Seine Erzählungen wollen aber auch ein Stück
Chronik sein. Sie halten Bilder von deutschen Städten und Dörfern in Böhmen
fest, als ihre Menschen noch dort lebten.
Mühlberger studierte in Prag und Upsala. Er war eng befreundet mit Max Brod
und gilt als letzter bedeutender Repräsentant des Prager literarischen Kreises
um Kafka, Werfel, Kubin und andere. Als Frucht seiner literarischen Tätigkeit
konnte er schon im Alter von 26 Jahren das Buch "Die Dichtung der Sudetendeutschen
in den letzten fünfzig Jahren" (1929) veröffentlichen. Adalbert Stifter
gehörte früh seine Liebe, was unter anderem die Herausgabe der Zeitschrift "Witiko"
(1928-1931) bezeugt. Mühlberger ist Verfasser des Essaybandes "Geist und
Wort des deutschen Ostens" (1950) und der Studien "Hugo von Hofmannsthal,
Franz Kafka" (1953). Als Übersetzer hat er sich mit dem Titel "Mohn
und Linde" (1963) der tschechischen Lyrik in den letzten 100 Jahren zugewendet
und die repräsentativen Lyriker ins Deutsche übertragen. Auch Bozena Nemcovas
Roman "Großmutter" wurde von ihm ins Deutsche übersetzt. Dieser Roman,
1855 erschienen, gilt bis heute als der klassische Roman der tschechischen Literatur.
Die in Atmosphäre wie in der sprachlichen Ausgewogenheit ungemein starke Erzählung
"Die Knaben und der Fluß" (1934) bettet die Geschichte der Freundschaft
zweier Knaben und ihre Begegnungen mit Liebe und Tod in die mährische Sommerlandschaft.
Mit dieser Dichtung fand der damals 31jährige Autor Eingang beim Insel-Verlag.
Hermann Hesse nennt diese Geschichte wieder wird Lesen zum Hören
eine Vogelmelodie, "die schönste und einfachste junge Dichtung, die ich
seit langer Zeit gelesen habe". Von 1938 bis 1945 durfte Mühlberger nicht
veröffentlichen. Nach der Rückkehr aus dem Krieg und der Vertreibung aus seiner
Heimat lebte er in Eislingen / Fils, wo er als Feuilleton-Redakteur tätig war.
Von ihm erschienen weitere Bände mit Lyrik und Prosa, Dramen sowie kultur- und
literaturgeschichtlichen Studien. Schon frühzeitig wurden Mühlbergers Leistungen
anerkannt und gewürdigt. Bereits 1938 wurde ihm der Herder-Preis verliehen,
dem weitere Auszeichnungen folgten. 1951 erhielt er den Adalbert-Stifter-Preis,
zwei Jahre später die Ehrenplakette der Städte Esslingen und Göppingen, 1965
denAndreas-Gryphius-Preis, den Ostdeutschen Literaturpreis und 1968 schließlich
den Kulturpreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft. 1977 wurde ihm der Professorentitel
verliehen. Weitere Veröffentlichungen: "Ich wollt, daß ich daheim war!"
(1959); "Eine Kindheit in Böhmen"; "Verhängnis und Verheißung"
(1952); "Die schwarze Perle" (1954), seine Kriegserlebnisse. "Die
Brücke" (1953); "Hus im Konzil"; "Licht über den Bergen"
(1956); "Der Galgen im Weinberg" (1960); "Bogumil" (1980);
"Wo ich daheim war" (1983); "Der Hohenstaufen"; "Der
Scherbenberg" und viele andere Erzählungen, Romane und Dramen. Ich
lernte Mühlberger persönlich kennen, da er oft im Rahmen einer Dichterlesung
bei unseren Heimattreffen aus seinen Werken vorgelesen hat. Er war ein bescheidener
ruhiger Zeitgenosse und ich habe manchmal mit ihm über Griechenland, das er
besonders liebte, bei einem Glas Wein geplaudert.
1985 starb Josef Mühlberger in Eislingen. Er war ohne Zweifel der bedeutendste
Schriftsteller unserer Heimat.