Etwa 350 Riesengebirgler sowohl
von der böhmischen als auch von der schlesischen Seite trafen sich
am ersten Oktoberwochenende zu dem vom Riesengebirgler Heimatkreis Trautenau
organisierten 3. Nordtreffen in der Hansestadt Rostock. In den zwei Tagen wurde
ein äußerst umfangreiches Programm geboten, das sowohl von den politischen
Forderungen als auch von der Vielfalt der Kultur der Heimat zeugte.
Nach der Eröffnung am Samstag um 10 Uhr durch Oberst a. D. Werner Haase,
I. Vorsitzender des Heimatkreises Trautenau, begrüßte Rübezahl
mit seinen Zwergen die Gäste. Im Anschluss trafen sich die Heimatortsbetreuer
zu einer Gesprächsrunde. Parallel dazu fanden sich in der Mensa die Sangesfreudigen
zu einem Singekreis zusammen, der eine unerwartet hohe Resonanz fand, während
im Saal die ersten persönlichen Begegnungen stattfanden.
Als prominentesten Ehrengast der Festveranstaltung am Samstagnachmittag konnte
Peter Barth, Vorstandsmitglied des Heimatkreises Trautenau und für die
Nordtreffen verantwortlich, den CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzenden von Mecklenburg-Vorpommern,
Eckhardt Rehberg, begrüßen. Von dem gastgebenden Heirnatkreis waren
der I.Vorsitzende. Oberst a. D. Werner Haase, sowie das Vorstandsmitglied Rudi
Staffa anwesend, von den eingeladenen HK Hohenelbe der I. Vorsitzende Christian
Eichmann, von Braunau Pater Benedikt Gleißner aus dem Kloster Rohr sowie
von den Schlesiern der Kreisvorsitzende von Stralsund, Hartmut Olejnik. Als
weitere Gäste konnten die Vorsitzenden der SL-Landesgruppe MV, Walter Zluwa,
der Pommern, Ostpreußen, der Danziger und des BdV's begrüßt
werden.
In seinem Grußwort stellte Eckhardt Rehberg ebenso wie der Vorsitzende
des Riesengebirgler Heimatkreises Trautenau. Oberst a. D. Werner Haase, in seiner
Festrede fest, dass die Enteignungs- und Vertreibungsdekrete des damaligen
Präsidenten Benesch, von denen sich auch die heutige Regierung der Tschechischen
Republik nicht distanziert, nicht mit den Prinzipien der EU zu vereinbaren sind.
Bei diesem Thema besteht weiterhin Gesprächsbedarf. Rehberg würdigte
das Verhalten der deutschen Vertriebenen, die bereits 1950 in ihrer Charta auf
Rache und Vergeltung verzichteten, aber heute noch vergeblich auf eine Resonanz
der Vertreiberstaaten warten und wies in Verbindung mit dem Tag der Einheit
daraufhin, dass vor 13 Jahren ein derartiges Treffen weder in Rostock noch in
einem anderen Ort der neuen Bundesländern möglich gewesen wäre.
In seiner Festrede berichtete Haase zunächst über die Entwicklung
und die Treffen des Heimatkreises Trautenau, von denen bereits 60 im Süden
Deutschlands stattgefunden haben und man sich im Norden nun auch schon wieder
das dritte Mal trifft. Im weiteren Verlauf der Rede ging Haase dann hart mit
der deutschen Regierung, insbesondere mit Bundeskanzler Gerhard Schröder
und Außenminister Joschka Fischer, ins Gericht. Sie kommen in keiner Weise
ihrer Obhutspflicht gegenüber den deutschen Vertriebenen nach. Das bezieht
sich beispielsweise auf die gesamte Entwicklung zur Aufnahme Tschechiens und
Polens in die EU sowie auf ihre Stellungnahmen zur Entschädigung deutscher
Zwangsarbeiter. Man könne fast meinen, dass mehr die tschechischen und
polnischen Interessen vertreten werden als die des eigenen Volkes. Nur durch
dieses deutsche Desinteresse ist es erklärlich, dass das Europäische
Parlament von der ursprünglichen Ablehnung der Benesch-Dekrete später
abwich. Nicht nur Schröder und Fischer, auch viele andere Politiker übersehen,
dass die Tragödie der Sudetendeutschen nicht erst 1938, sondern bereits
1918/19 beginnt, als ihnen das Recht auf Selbstbestimmung verweigert wurde.
Haase stellte sich auch klar hinter die Forderungen des Bundes der Vertriebenen,
das "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin zu errichten - auch hier
keinerlei Unterstützung durch die deutsche Regierung, im Gegenteil, man
solle es im Ausland, beispielsweise in Breslau, errichten. Viele Versöhnungsgesten
der Sudetendeutschen werden zwar von einem Teil der Bevölkerung, nicht
aber seitens der Regierung wahrgenommen. Und Haase abschließend: "Wir
Riesengebirgler stehen fest zu unserer Heimat, wer auch immer jetzt dort wohnt.
Sie mögen es auch ihre Heimat nennen. Es wird die Zeit kommen, da die jetzt
dort Wohnenden und wir von dort Vertriebenen miteinander in einer gemeinsamen
Heimat leben werden. Dann ist Europa, wie ich es mir vorstelle, Wirklichkeit
geworden". Der festliche Teil fand seinen Abschluss mit dem gemeinsamen
Singen des Riesengbirgs- und Schlesierliedes.
Im kulturellen Teil der Festveranstaltung, gestaltet vom Chor der SL Stralsund,
wechselten heimatliche Lied- und Wortbeiträge in bunter Folge und es wurde
das Anliegen des Heimatkreises deutlich, das kulturelle Erbe der Heimat zu erhalten
und zu pflegen.
Ganz der Pflege der heimatlichen Sprache galt dann die Mundartstunde, in der
sowohl Vertreter der böhmischen, als auch der schlesischen Seite zu Wort
kamen. Der vollbesetzte Raum und der begeisterte Beifall bewiesen, dass der
Riesengebirgsdialekt auch nach so vielen Jahren nach der Vertreibung immer noch
sehr lebendig und beliebt ist.
Abends traf man sich zum Ball der Riesengebirgler mit "freien Einlagen"
der Landsleute. Bei heimatlichen Beiträgen heiterer Natur wurden viele
Erinnerungen wach und sehr viel gelacht. Und tüchtig wurde auch getanzt.
Am Sonntag bestand die Möglichkeit der Teilnahme am Erntedankgottesdienst
in der Nachbargememde Evershagen. Symbolisch für das Anliegen der Völkerverständigung
war, dass die Messe von dem polnischen Spiritaner-Pater Johannes mit zelebriert
wurde. Am späten Vormittag wurde ein Dia-Spaziergang über den Kamm
des schönen Riesengebirges mal mit Abstechern auf die Süd- (Böhmen),
mal auf die Nordseite (Schlesien) gemacht. Durch die ausdrucksvollen Farbbilder
wurde allen noch einmal ganz besonders die Schönheit unserer Heimat bewusst.
Mit dem Vortrag von Seemannsliedem holte Hans Knauer, vielen bekannt aus der
DDR- Fernsehsendung "Hafenbar", die Besucher wieder in die Gegenwart,
an die Ostseeküste, zurück. Anschließend gab es dann, ebenso
wie zwischen den einzelnen Veranstaltungen, noch viele persönliche Begegnungen.
Es soll auch noch das große Medieninteresse erwähnt werden. Der NDR-Radio
MV war anwesend, es gab dpa-Meldungen und alle großen Tageszeitungen von
MV sowie mehrere regionale Blätter informierten im Vorfeld bzw. berichteten
danach. Und natürlich fand das Treffen auch in der sudetendeutschen, selbst
in Österreich, sowie in der schlesischen Presse große Resonanz.
Peter Barth