Trautenau – ein Überblick

von Wolfgang Bauer

Landkreis im böhmischen Teil des Riesengebirges, begrenzt von den Kreisen Braunau, Königinhof/Elbe, Hohenelbe und Hirschberg/Schlesien. Der im Deutschen Reich gebräuchlichen Bezeichnung "Landkreis" entspricht in Österreich und der CSSR "politischer Bezirk" mit der Unterteilung in Gerichtsbereiche. Zu Trautenau gehörten die Gerichtsbezirke Trautenau, Marschendorf, Schatzlar und Eipel. Das tschechische besiedelte Eipel wurde 1938 (Anschluß an das Deutsche Reich) abgetrennt, dafür kamen die deutschen Gemeinden aus dem Bezirk Königinhof hinzu. Nach dem Stand vom 17. 05. 1939 umfaßte der Landkreis Trautenau 610,6 Quadratkilometer mit 100 Gemeinden (darunter 4 Städte: Trautenau, Freiheit, Pilnikau und Schatzlar). In 23762 Haushalten lebten 73376 Einwohner, davon Deutsche 70633. Tschechen 1009 und Sonstige 1734. Die Bevölkerungsdichte betrug 120,2 je qkm.

Der Landkreis erstreckt sich vom Hauptkamm des Riesengebirges bis zum Vorland an der Elbe gegen Innerböhmen zu. Die Durchschnittshöhe des Kammes liegt bei 1300 Meter, die Stadt Trautenau an der Aupa 430 Meter über dem Meeresspiegel. Die klimatischen Bedingungen des Gebirges schränkten die landwirtschaftliche Nutzung stark ein. Hauptsächlich wurde Flachs angebaut für die schon frühzeitig nachgewiesene Leinenindustrie und den Leinenhandel. Im Gebirge, aber auch im Königreichwald bestand eine ansehnliche Forstwirtschaft. Von dem im Mittelalter betriebenen Bergbau auf Edelmetalle, dem u. a. die Bergstadt Freiheit ihr Entstehen verdankt, ist heute nichts mehr vorhanden. Nach 1945 hatte man nochmals versucht, nach Uran zu graben. Dagegen ist die Steinkohlenförderung, vor allem im Schatzlarer Kohlenrevier noch bedeutend. Die Hauptindustrie des Landkreises bildete bis zur Vertreibung die Leinen-, Flachsgarn- und Juteerzeugung. Namen wie Faltis, Erben, Kluge, Haase u. a. stehen dafür. Trautenau besaß auch lange Jahre eine Leinenbörse. Heute ist an die Stelle der genannten Industriezweige die Kunststoffindustrie getreten. Daneben gab es einige Betriebe aus der Porzellanbranche, Metallindustrie, Textilfirmen und auch Papierfabriken (Eichmann u. Co.). In Trautenau wurde bereits 1505 eine Papiermühle nachgewiesen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Werke der Elektroindustrie (AEG und Siemens) in das Aupatal verlegt und 1945 von den Tschechen übernommen.

Eine bedeutende Rolle im Riesengebirge spielte (und spielt) der Fremdenverkehr. Nach einer Statistik aus dem Jahr 1937 lag Petzer im Riesengrund mit 13 403 Besuchern unter den ersten Dutzend Fremdenverkehrsorten der CSR Herrliche Wanderwege, angelegt vom Riesengebirgsverein und freundliche Bauden luden den Gast ein. Vor allem zog der Wintersport mit internationalen Schanzen und Pisten zahlreiche Besucher an. Groß ist auch die Zahl der aus dem Riesengebirge stammenden Meister, auch heute sind junge Gebirgler in den Nachfolgestaaten des Deutschen Reiches aktiv. Von den vielen Namen sei nur einer stellvertretend genannt: Gustl Berauer aus Petzer, 2x Weltmeister, 5x Deutscher Meister, 3x Meister in der Nordischen Kombination, 2x Langlaufmeister.

Das Riesengebirge ist heute ein Nationalpark und weist nach wie vor viele Gäste auf. Im benachbarten Kreis Hohenelbe (Oberhohenelbe) wurde 1884 durch Quido-Rotter die erste Schulen- und Studenten-Herberge gegründet. Der Gedanke fand im gesamten Bereich der k. u. k.-Monarchie Verbreitung. 1939 wurde dieser Verein mit dem ersten Deutschen Jugendherbergswerk vereinigt. Auf der von dem Sudetendeutschen Sozialwerk gepachteten Burg Hohenberg a. d. Eger hält die Quido-Rotter-Jugendherberge die Tradition aufrecht.
Das Riesengebirge – vor allem der schlesische Teil – weist eine stattliche Zahl von Thermalquellen auf. In unserem Kreis Johannisbad, ein Rheumabad, das in der Bäderstatistik der CSR die 7. Stelle einnahm.

Einen wichtigen Erwerbszweig bildete von alters her der Handel, der die Stadt mit der Welt verband. Bereits im Mittelalter gab es hier den Trautenauer Steig zwischen Prag und Breslau. Ihm ist die Ansiedlung von Grenzbefestigungen zu verdanken, denen dann im 12./13. Jahrhundert deutsche Siedler folgten.

Mit dem Handel bildete sich auch ein gut strukturiertes Verkehrsnetz (Eisenbahn und Straße) aus, bereits früh auch ein funktionierendes Bankwesen.
Bis zum Ende 1945 war der deutsche Anteil der Bevölkerung unbestritten. Nach der Volkszählung von 1939 betrug er 96,2%, in dem Rest teilten sich Tschechen und andere Nationalitäten. Nach der gleichen Volkszählung wären 93,8% römisch-katholisch, 3% evangelisch, 3,2% anderen Glaubensrichtungen zuzurechnen. Seit 1939 war die Stadt Trautenau Sitz des Generalvikars für die deutschen Gebiete der Diözese Königrätz mit Prälat Richard Popp.

Das Schulwesen gliederte sich nach österreichischer Tradition in Volksund Bürgerschulen, dazu Fortbildungsschulen, Handelsschulen, Realgymnasium, Handelsakademie und Lehrerbildungsanstalt. An Vereinen bestanden die im deutschen Sprachraum üblichen Gesangs-, Sport- und Geselligkeitsvereine (Theatergruppen). Der Situation in der Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Tschechen entsprechend spielte der Bund der Deutschen und der Deutsche Kulturverband eine besondere Rolle.

Es würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, wollte ich die Persönlichkeiten aufrühren, die aus dem Landkreis Trautenau auf den verschiedensten Gebieten hervorgetreten sind.

Der Chronist des mittelalterlichen Trautenau, Simon Hüttel; Schriftsteller wie Uffo Hörn und Dr. Josef Mühlberger, Künstler wie Emil Schwantner als Bildhauer, die Maler Iwan, Labus, Pölz u. a. Wissenschaftler wie Vinzenz Czerny (Krebsforscher), der Arzt Alphons Poller, der Konstrukteur der Etrich-Taube, Igo Etrich aus Oberaltstadt. Leute aus der Wissenschaft: Faltis, Posper-Piette, Etrich, Kluge, Eichmann, Jaeggle u. v. a.

Alles in allem, Stadt und Landkreis Trautenau bildeten bis 1945 eine in sich geschlossene – vielfach abgeschlossene Landschaft, die jedoch immer mit dem Geschehen Böhmens und Europas verbunden war. Sie ist uns noch heute Heimat.

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