Schon zum 59. Mal trafen sich die
Riesengebirgler aus dem Kreis Trautenau zu ihrem alljährlichen Wiedersehensfest
am letzten Juni-Wochenende. Fast 1 000 Landsleute waren diesmal wieder dem Ruf
in die Patenstadt Würzburg gefolgt.
Den Auftakt bildete bereits am Donnerstag die Eröffnung der Ausstellung Odsun
im Foyer des Rathauses, die gemeinsam mit der Kreis- sowie der Bezirksgruppe
der SL Würzburg bzw. Unterfranken organisiert wurde und die unter der Schirmherrschaft
der Oberbürgermeisterin der Patenstadt, Pia Beckmann, steht. Ehrengast war
Barbara Stamm, Mitglied des Bayerischen Landtages. Die Stadt war durch Bürgermeister
Dr. Adolf Bauer vertreten, der sich mit den fordernden Worten "Wer der
EU beitreten will, muss auch bereit sein, die europäische Rechtsordnung zu akzeptieren,
dazu gehören die Rechte der Volksgruppen und der Vertriebenen" an die Tschechische
Republik wandte. Die Festansprache hielt der Leiter des Sudetendeutschen Archivs,
Dr. Roland J. Hoffmann, der auch für die gesamte Ausstellung verantwortlich
zeichnet. Über diese selbst, die bereits zum 20. Mal gezeigt wird, dürften für
den Kreis unserer Leser keine weiteren Ausführungen notwendig sein. (Vgl. Bericht
in RH 8/02)
Traditionsgemäß hatte am Freitagvormittag die Stadt Würzburg zu einem Empfang
in den Wenzelsaal des Rathauses geladen. Gastgeberin war Bürgermeisterin Marion
Schäfer, die mit weiteren Repräsentanten der Patenstadt die Vertreter des Heimatkreises
willkommen hieß. Unter ihnen auch das Ehepaar Wolf, das heute in den USA lebt
und zu den treuesten Besuchern unserer Heimattreffen gehört. Weitere Gäste waren
Amtsträger der SL Unterfranken sowie der Vertriebenenverbände von Würzburg.
In ihrer Rede ging Bürgermeisterin Schäfer auf die seit 1956 bestehende Patenschaft
ein und würdigte die Leistung der Vertriebenen bei dem Wiederaufbau der zerstörten
Stadt. Sie bedauerte, dass der 1998 vom Stadtparlament einstimmig gefasste Beschluss
zu einer Partnerschaft mit der Stadt Trautenau noch nicht realisiert werden
konnte. Gute Verbindungen gibt es jedoch schon zur Forstschule in unserer Heimatstadt,
deren Studenten bereits öfter in Würzburg zu einem Praktikum weilten. Für die
Zukunft versprach Schäfer auch weiterhin Unterstützung. Werner Haase, 1. Vorsitzender
des Heimatkreises, betonte die gute Zusammenarbeit mit der Patenstadt und dankte
für die bisherige Unterstützung. Bei einem guten Gläschen Frankenwein und von
unserem Landsmann Hiemer selbstgebackenen Mohnkuchen zeigte sich auch die Gemeinsamkeit
auf kulinarischem Gebiet, untermalt mit einem Gedicht in der Riesengebirgsmundart
von Rudi Staffa. Mit interessanten und anregenden Gesprächen dauerte diese Begegnung
noch lange an.
Am Nachmittag fand dann eine gemeinsame Sitzung von Vorstand und Beirat in der
Riesengebirgsstube statt. Zunächst stand die Überprüfung des Protokolls der
letzten Sitzung vom März diesen Jahres auf der Tagesordnung, waren einzelne
Punkte noch einmal zu erörtern. Dann folgten die letzten organisatorischen Absprachen
für das bevorstehende Heimatkreistreffen. Schwerpunkt war dabei die Hauptversammlung
mit der Wahl des Vorstandes, der Beiräte und der Kassenprüfer. Bereits in der
vorhergehende Sitzung hatten sich alle bereit erklärt, wieder für ihre Ämter
zu kandidieren. Einerseits zwar eine erfreuliche Tatsache, doch andererseits
bedeutet dies, dass das Alter der Amtsträger weiterhin zunimmt, da es nicht
gelungen war, jüngere Landsleute für die Mitarbeit zu gewinnen. Ein Fakt, der
in Zukunft unbedingt stärker berücksichtigt werden muss. Ein weiteres Problem,
das zeitgleiche Endspiel der Fußballweltmeisterschaft: Auch für die interessierten
Teilnehmer unseres Heimattreffens war unbedingt die Möglichkeit des Fernseherlebnisses
zu schaffen sowie mögliche Komplikationen bei der Abreise zu beachten. Weitere
Themen waren u.a. die wichtige Arbeit der Heimatortsbetreuer, die Erfassung
und Erarbeitung neuer Ortschroniken, die Mitgliederwerbung, die Zusammenarbeit
mit unserer Patenstadt Würzburg sowie dem Deutsch-Tschechischen Begegnungszentrum
in Trautenau und bereits erste Vorbereitungen für das 60. Heimattreffen im nächsten
Jahr, das natürlich ein besonderer Höhepunkt werden soll.
Am Samstagvormittag dann erste Besucher in der Riesengebirgsstube und persönliche
Begegnungen in der Carl-Diem-Halle. Hier begann dann um 13.30 Uhr die Hauptversammlung.
Zunächst die üblichen organisatorischen und formellen Abhandlungen, es folgten
die Berichte des 1. Vorsitzenden, der Kassiererin und der Kassenprüfer. Der
1. Vorsitzende Werner Haase, er nunmehr auf seine erste Amtsperiode zurückblicken
konnte, verwies auf die Probleme, die die Führung eines Vereines, dessen Mitglieder
in verschiedenen Ländern, dessen Amtsträger zwischen den Alpen und der Ostsee
wohnen, "von Natur aus" mit sich bringt. Niederschlag findet dies
vor allem im Zeitaufwand und in den Kosten. In diesem Zusammenhang wurde auf
den Wechsel in der Person der Kassiererin und den neuen Spendenregelungen hingewiesen.
Auch nach dem Wechsel im Amt des Oberbürgermeisters (Jürgen Weber / Pia Beckmann)
ist das Verhältnis zur Patenstadt sehr gut, ebenso zur Ackermanngemeinde und
zur SL, mit denen mehrfach mit großer Resonanz gemeinsame Veranstaltungen in
Würzburg organisiert worden sind. Jüngstes Beispiel ist die Ausstellung Odsun.
Die geplante Partnerschaft Würzburg -Trautenau, unter Einbeziehung des Heimatkreises,
konnte leider noch nicht umgesetzt werden. Eine Realisierung ist auch derzeitig
nicht absehbar. Haase berichtete weiter von seiner Fahrt nach Trautenau. Hier
gab es Besuche beim Verein für Deutsch-Tschechische Verständigung, dessen Vorstand
Haase, weiterhin angehört, sowie beim Archiv. Auch hier gab es viel Verständnis.
Die vollständigen Kopien der vorhandenen Ortschroniken würden einen finanziellen
Aufwand von 25 000 bis 30 000 Euro bedeuten, so dass zunächst erst einmal das
bei uns vorhandene Material erfasst und ausgewertet werden soll. Mit dem neuen
speziellen Schrank in der Riesengebirgsstube ergeben sich auch gute Voraussetzungen.
Mit dem ISDN-Anschluss ist eine weitere Modernisierung erfolgt. Vertrauensvoll
ist das Verhältnis zu den Heimatkreisen Hohenelbe und Braunau, dessen bisheriger
1. Vorsitzender Ernst Birke aus persönlichen Gründen seine Ämter niederlegen
musste. Nachfolger in der Bundesversammlung der SL ist Werner Haase, neuer Landschaftsbetreuer
des Riesengebirges Christian Eichmann, 1. Vorsitzender des HK Hohenelbe. Es
wurde weiterhin über die vom Vorstand beschossene Ehrung von Josef Wolf mit
der Igor Etrich-Plakette informiert und um Zustimmung der Versammlung zu den
Vorschlägen für die Ehrenmitgliedschaft des Heimatkreises (Dr. Ing. Lothar Kammel
/ postum und Bürgermeister a.D. Gerhard Franke) gebeten, die auch erfolgte.
Abschließend dankte Haase allen für das in ihn gesetzte Vertrauen und die Mitarbeit.
Der Finanzbericht wurde von der Kassiererin Christine Geißendörfer vorgelegt,
die dabei teilweise auf die Unterlagen ihrer Vorgängerinnen zurückgreifen musste.
Den Kassenprüfbericht trug Manfred Luschtinetz vor, der das Kassengeschehen
bestätigte und Entlastung beantragte. Die Versammlung erteilte sowohl der Kassiererin
als auch dem gesamten Vorstand / Beirat die Entlastung. Während der Aussprache,
in der die Mitgliederwerbung eine große Rolle spielte, trug Helmut Hiemer die
aktuellen Zahlen vor: unter den 1 655 Mitgliedern sind 861 Frauen und 794 Männer.
Nach Bildung des Wahlausschusses, dessen Leitung Manfred Luschtinetz übernahm,
erfolgte die Bekanntgabe der Wahlliste, die auf Nachfrage keine Ergänzung erfuhr.
Mit einer Ausnahme zur Kandidatur der Kassenprüfer entsprachen die Vorschläge
den alten Amtsträgern, die durch ihre langjährige Arbeit bekannt sind. Auf die
sich daraus ergebenden Probleme wurde bereits hingewiesen. Nach den Ergebnissen
dieser Wahl bleiben der bisherige Vorstand und Beirat unter dem 1. Vorsitzenden
Werner Haase und der 2. Vorsitzenden Margarete Dorsch weiter im Amt. Gleichfalls
Christine Geißendörfer (Kassiererin), Peter Barth (Protokoll und Presse),
Pfr. Wenzel Baudisch, Helmut Hiemer und Rudi Staffa. Ferner die beiden Ehrenvorsitzenden
Wolfgang Bauer und Edwin Kneifel. Geschäftsführerin ist weiter Rita Wolfrum.
So auch Kassenprüfer Manfred Luschtinetz, der zukünftig von Rainer Nemetschek
unterstützt wird.
Ebenfalls in der Mensa der Carl-Diem-Halle im Anschluss die Tagung der Heimatortsbetreuer
unter der Leitung des 1. Vorsitzenden Werner Haase. Haase dankte zunächst allen
Anwesenden für die geleistete Arbeit, die praktisch die Grundlage der Heimatkreise
ist. Diese wird gegenwärtig erschwert, da nach dem Tod des langjährigen Sprechers
Heinrich Tham noch kein Nachfolger gefunden werden konnte. Auch hier zeigt sich
die Überalterung. Weitere Themen waren die Arbeit mit bzw. an den Ortschroniken,
die einen guten Stand erreicht hat, unsere Heimatzeitung, die Mitgliederwerbung,
Probleme mit der GEMA sowie die unzureichenden Veränderungsmeldungen. Eine rege
Diskussion folgte den Ausführungen von W. Bauer zum Thema "Riesengebirgsheimat".
Seine Vorschläge zur Straffung der Personennachrichten fanden jedoch die Zustimmung
der Mehrheit.
Um 19.30 Uhr begann dann in der Carl-Diem-Halle der Festliche Abend. Als Ehrengäste
von der Patenstadt waren anwesend: Oberbürgermeisterin Pia Beckmann, Bürgermeisterin
Marion Schäfer, Stadtrat Willy Dürrnagel, CSU-Fraktionsvorsitzende Ursula Weschta,
Prälat Josef Peter sowie Prof. Winfried Kreutzer von der Universität. Weiter
konnten der Parlamentarische Staatssekretär Walter Kolbow (MdB) und der stellvertretende
Landrat, Herr Lehrieder, begrüßt werden, sowie Repräsentanten des Begegnungszentrums
Trautenau, der Heimatkreise Hohenelbe und Braunau und der Vertriebenenverbände
von Unterfranken und Würzburg.
Die Moderation des Abends lag wieder in den bewährten Händen von Helmut Hiemer.
Eröffnet wurde mit einem eigens für diesen Anlass entstandenen Gedichtes des
Interpreten der Riesengebirgsmundart Rudi Staffa. Nach der Begrüßung durch den
1. Vorsitzenden Werner Haase erfolgten zunächst die Ehrungen. Die im vergangenen
Jahr gestiftete Igor Etrich-Plakette wurde an Landsmann Josef Wolf für seine
nahezu lückenlose Erfassung und Dokumentierung der Turn- und Sportvereine des
Riesengebirges verliehen. Da der Geehrte nicht reisefähig ist, konnte die Auszeichnung
nicht persönlich entgegengenommen werden. Als Ehrenmitglieder ausgezeichnet
wurden Bürgermeister a.D. Gerhard Franke als Dank für die jahrelange Unterstützung
im Rahmen der Patenarbeit sowie postum Dr. Ing. Lothar Kammel für seine Leistungen
für den Heimatkreis und seinen Heimatort Schatzlar. In seiner Festansprache
verurteilte Werner Haase mit aller Schärfe die verbalen Entgleisungen und Beleidigungen
der Sudetendeutschen seitens führender tschechischer Parteipolitiker, setzte
sich mit deren Einschätzungen der verbrecherischen Benesch-Dekrete auseinander.
Aber auch für unsere Politiker fand Haase kritische Worte: "Politiker in
der EU - ich nenne Verheugen - wie auch in der Bundesrepublik, übertreffen sich
gegenseitig in der Verharmlosung der Geschehnisse in der Tschechischen Republik".
Und weiter: "Ich frage mich, wie lange werden die Staaten in unserem freien,
vereinigten Europa derartige Äußerungen eines Beitrittskandidaten hinnehmen",
forderte die Annullierung der Benesch-Dekrete. Anschließend ruft Haase jedoch
seine Landsleute auf, den Kontakt zu den in unserer Heimat lebenden Menschen
nicht abreißen zu lassen, ja, neue zu suchen und schloss mit den Worten: "Lassen
Sie uns die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch die Tschechische Republik eines
Tages ihre Vergangenheit ehrlich aufarbeitet und sich zu dem an uns begangenen
Unrecht bekennt. Erst dann wird Ruhe in Europa einkehren! Lassen Sie uns den
Glauben an die Gerechtigkeit nicht verlieren!" Die Oberbürgermeisterin
der Stadt Würzburg, Pia Beckmann, die erstmals in diesem Kreis weilte, ging
in ihrem Grußwort kurz auf die Geschichte der Patenarbeit ein, nannte Gemeinsamkeiten
der Würzburger und Trautenauer, erwähnte das gegenseitige Geben und Nehmen.
Auch heute steht die Stadt noch zu dem Angebot einer Partnerschaft mit unserer
Heimatstadt. Nach weiteren Grußworten von Staatssekretär Walter Kolbow (MdB)
(mit dem erstmals wieder ein Vertreter der Bundesregierung anwesend war) und
Prof. Roland Wiesner von der Forstschule Trautenau begann dann der kulturelle
Teil des Abends, gestaltet durch die Riesengebirgler Hausmusik und dem Chor
Reichenberg / Unterfranken. In bunter Folge wurde so ein Programm geboten, das
für jeden etwas brachte, dem Auftrag zur Pflege unseres Brauchtums gerecht wurde.
Höhepunkt war natürlich wieder das gemeinsame Singen unserer "Blauen Berge,
grüne Täler". Viele Stunden saß man noch zusammen, gedachte der geliebten
und unvergessenen Heimat.
Am Sonntagvormittag traf man sich dann in der Franziskanerkirche zur Messe,
zelebriert von dem Vertriebenenseelsorger Pater Engelbrecht Otte. Da er selbst
ein Betroffener ist, fand Otte auch in diesem Jahr wieder ergreifende Worte
des Trostes, der Hoffnung und Versöhnung. Neu war heuer die Mitwirkung der Blaskapelle
Gropp aus Würzburg. Inzwischen schon Tradition geworden ist anschließend das
Totengedenken im Kreuzgang des Franziskanerklosters. Helmut Hiemer sprach gedenkende
Worte an alle Opfer von Krieg und Vertreibung, an die in der Heimaterde Ruhenden,
die in der Fremde Verstorbenen und insbesondere auch jene, die keine würdige
letzte Ruhestätte gefunden haben. Gedacht wurde auch an die im vergangenen Jahr
verstorbenen Landsleute, sowie der Opfer der grausamen Terroranschläge der letzten
Zeit. Stimmungsvoll wurde die Feier von der Blaskapelle umrahmt. Eine Abordnung
legte im Anschluss den Kranz am Ehrenmal im Husarenwäldchen nieder.
Am späten Sonntagvormittag fand dann in der Mensa der Carl-Diem-Halle eine Mundartstunde,
gestaltet von Rudi Staffa, statt. Mit Gedichten von den Heimatdichtern Olga
Brauner, Josef Tatsch und Gustl Steiner erfreute Staffa in gekonnter Art die
Anwesenden, Karlheinz Kolar trug mit mehreren heimatlichen Liedern zum Gelingen
dieser Vorträge bei.
Traditionsgemäß gehörte dann der Sonntagnachmittag wieder ganz dem großen persönlichen
Wiedersehensfest der Riesengebirgler, da auf Veranstaltungen grundsätzlich verzichtet
wird. Eine Ausnahme gab es jedoch in diesem Jahr: wer wollte, konnte das Endspiel
der Fußballweltmeisterschaft an einem Fernseher in der Mensa verfolgen. Wie
in jedem Jahr wurden alte Bekanntschaften aufgefrischt, neue geschlossen.
Und so freut man sich dann schon jetzt auf das 60. Heimatkreistreffen im nächsten
Jahr, wieder in Würzburg, am 05. und 06. Juli 2003.
Peter Barth
Schun salte ei do Kendozeit Rudi Staffa |