60. Heimattreffen der Riesengebirgler aus dem Kreis Trautenau
am 5. und 6. Juli 2003 in Würzburg

Schon zum 60. Mal trafen sich die Riesengebirgler aus dem Kreis Trautenau zu ihrem alljährlichen Wiedersehensfest. Fast tausend Landsleute waren am ersten Juli-Wochende dem Ruf in ihre Patenstadt Würzburg gefolgt. Darunter auch Gäste aus Miami/USA sowie etwa 50 Deutsche, die heute noch in Trautenau und Umgebung leben. Diese hohe Beteiligung beweist erneut, dass man auch nach mehr als 50 Jahren nach der Vertreibung die Heimat nicht vergessen hat.

Der Auftakt dieses Jubiläumstreffens erfolgte traditionsgemäß am Freitagvormittag mit einem Empfang im Wappensaal des Rathauses, zu dem die Stadt Würzburg geladen hatte. In ihrer Ansprache ging die II. Bürgermeisterin Marion Schäfer auf die Hisiorie der seit 1956 bestehenden Patenschaft zwischen der Stadt Würzburg und dem Heimatkreis ein. Sie würdigte die Leistung der Vertriebenen bei dem Wiederaufbau der zerstörten Stadt. Schäfer bedauerte, dass der 1998 vom Stadtparlament einstimmig gefasste Beschluss zu einer Städtepartnerschaft mit Trautenau noch nicht realisiert ist. Diese Partnerschaft wird es jedoch nur in dem "Dreier-team" Würzburg – Heimatkreis – Trautenau geben und versprach auch für die Zukunft weiterhin Unterstützung. Werner Haase, I.Vorsitzender des Heimatkreises, dankte für die bisherige Unterstützung und betonte die gute Zusammenarbeit. Bei einem guten Gläschen Frankenwein und Mohnkuchen nach heimatlichem Rezept gab es noch viele interessante und anregende Gespräche.
Am Nachmittag fand dann die gemeinsame Sitzung von Vorstand und Beirat in der Riesenge-birgsstube statt. Hier ging es u. a. um die Vorbereitung eines würdigen Gedenkens des 125. Geburtstages von Igo Etrich während des Heimattreffens 2004. Der Flugpionier Igo Etrich stammt aus Trautenau und ist der Begründer des Motorfluges in Österreich.

Offiziell wurde das Treffen am Samstag um 14 Uhr in der Carl-Diem-Halle mit der Hauptversammlung eröffnet. Es folgte die Tagung der Heimatortsbetreuer.

Die anschließende Mundartstunde gestaltete der Interpret des Riesengebirgsdialektes Rudi Staffa, der aus alten Aufzeichnungen, Kalendern und Liedertexten vortrug. Aber auch eigene Werke begeisterten die Zuhörer. Ergänzt wurden diese Wortbeiträge durch schöne Farbdias von Helmut Hiemer über Trautenau und das Riesengebirge.
Um 19.30 Uhr begann dann in der Carl-Diem-Halle der Festliche Abend. Hochrangige Ehrengäste konnten begrüßet werden: So von der Patenstadt die II Bürgermeisterin Marion Schäfer und den Stadtrat Willi Dürnagel; das Mitglied des Bundestages, Minister a. D. Wolfgang Bötsch; Frau Staatsministerin a. D., Barbara Stamm; den Stellvertretenden Landrat Heinrich Freiherr von Zobel; Prof. Winfried Kreutzer von der Universität Würzburg, vom Flugsportverein Heinz Graf und Dr. Beck, vom Heimatkreis Hohenelbe Christian Eichmann und Prof. Hans Pichler, Prof. Roland Wiesner vom Begegnungszentrum Trautenau sowie Repräsentanten der Vertriebenenverbände der Region.

Staatsministerin a. D. Barbara Stamm wies in ihrem Grußwort daraufhin, wie beschwerlich es war, die Heimat unter schlimmen Bedingungen zu verlieren, sich in der Fremde zurechtzufinden und die Zukunft zu planen. Doch jetzt solle man optimistisch in die Zukunft blicken. "Wir sagen Ja zur Aufnahme der Tschechischen Republik in die EU - aber Nein zu den Benesch-Dekreten. Wir erwarten, dass die deutschen Interessen und die der Vertriebenen bei der Osterweiterung der EU vom Bundeskanzler sowie vom Außenmisler vertreten werden" betonte Stamm.

In seiner Festansprache ging der 1. Vorsitzende Werner Haase ausführlich auf die Geschichte der Heimatkreistreffen ein. Bereits 1946 traf man sich erstmals in der Fremde. Zunächst waren diese Treffen hauptsächlich gekennzeichnet von der Suche nach den Angehörigen, dem Kampf ums tägliche Leben, sowie den Gedanken, sich zu finden, die Hoffnungslosigkeit miteinander zu teilen und sich gegenseitig Mut für die Zukunft zu machen. Der Gedanke, wieder in die Heimat zurückzukehren, war noch tief verwurzelt. Das Bewußtsein, die Heimat verloren zu haben, vielleicht für immer, stellte sich erst nach Jahren ein. Heute dienen diese Zusammenkünfte dem ungebrochenen Bekenntnis und der Liebe zur Heimat, der Erinnerung an das Gebirge, die Städte und Dörfer; aber auch ganz speziell der Pflege der Mundart. Während die ersten Treffen mehr oder weniger lokal begrenzt waren, sind unsere gegenwärtigen – besonders seit der Wende – nicht nur wieder deutschland- sondern auch weltweit, wie Besucher aus den USA, Schweden oder Österreich, aber auch aus unserer Heimat beweisen. Das größte Treffen war 1948 mit 4000 Landsleuten in Esslingen. Aus den Treffen heraus kam es auch letztlich zur Bildung des Heimatkreises. 1947 wurde bereits ein Hauptausschuss der Riesengebirgler unter der Leitung des Altbürgermeisters von Trautenau, Alfons Kolbe, gegründet. 1958 erfolgte die Eintragung ins Vereinsregister unter dem heutigen Namen "Riesengebirgler Heimatkreis Trautenau". Schließlich verwies Haase auf die großen politischen Diskussionen, die auch unsere Treffen mit prägten, so unter anderem das Zusammenbrechen des kommunistischen Machtbereiches, die Benesch-Dekrete und die EU-Erweiterung. Und Haase schloss: "Das ungebrochene Bekenntnis und die Liebe zur unserer Heimat werden uns auch in Zukunft zusammenführen. Solange das Herz eines Riesengebirglers irgendwo auf dieser Well schlägt, wird sich dieses treu zu seiner Heimat bekennen!" und ergreifend wurden abschließend gemeinsam das Riesengebirgslied gesungen. Lange saß man noch zusammen, gedachte der geliebten und unvergessenen Heimat.

Der Sonntag begann mit der Heiligen Messe in der Franziskanerkirche, zelebriert von Pater Beurle. In seiner Predigt wies Beurle auf Parallelen der Vertriebenen zu Jesus hin, der ebenfalls seine Heimat verlassen musste. Wichtig sei ein ausgewogenes Maß zwischen Erinnerung an die Vergangenheit der Gegenwart und der Erwartungen an die Zukunft. Zur Tradition geworden ist das sich anschließende Totengedenken im Kreuzgang des Franziskanerklosters.

Am späten Sonntagvormittag fand dann eine Dichterlesung "der etwas anderen Art" statt. Sie war nämlich nicht nur Autoren, sondern weiteren bedeutenden Persönlichkeiten unserer Heimat gewidmet, die auf den verschiedensten Gebieten Großes geleistet haben und damit weit über das Riesengebirge hinaus bekannt geworden sind. Im ersten Teil las Helmut Hiemer in sehr eindrucksvoller Weise aus der Erzählung "Die Grube" des Heimatschriftstellers Gerold Effert. Den zweiten Teil gestaltete Rudi Staffa, der den Zuhören u.a. folgende Persönlichkeiten vorstellte: Den Schriftsteller Josef Mühlberger, der als "Adalbert Stifter des Riesengebirges" bezeichnet wird; den Dichter Othmar Fiebiger der den Text des Riesengebirgsliedes schuf; den Konstrukteur und Industriellen Igo Etrich, der mit der Etrich-Taube das erste Motorflugzeug Österreichs baute und damit viele Bestleistungen erzielte - diesem Flugpionier ist auch die vom Heimatkreis gestiftete Etrich-Medaille gewidmet; den Mediziner Vinzenz Czerny, der bereits vor dem ersten Weltkrieg ein Institut für Krebsforschung gründete; den Bildhauer Emil Schwantner, der am Bau des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig mitwirkte; den GMD Fritz Rieger, der sich seit 1949 als Dirigent bekannter Orchester einen Namen machte.

Traditionsgemäß gehörte dann der Sonntagnachmittag wieder ganz dem großen persönlichen Wiedersehensfest der Riesengebirgler, da grundsätzlich keine "offiziellen Veranstaltungen" durchge führt werden und so genügend Raum für persönliche Gespräche gegeben ist. Wie alljährlich wurden wieder alte Bekanntschaften aufgefrischt, neue geschlossen. Und so freut man sich dann schon heute auf das 61. Heimatkreistreffen im nächsten Jahr, wieder in Würzburg.

Peter Barth

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