Schon zum 60. Mal trafen sich die
Riesengebirgler aus dem Kreis Trautenau zu ihrem alljährlichen Wiedersehensfest.
Fast tausend Landsleute waren am ersten Juli-Wochende dem Ruf in ihre Patenstadt
Würzburg gefolgt. Darunter auch Gäste aus Miami/USA sowie etwa 50
Deutsche, die heute noch in Trautenau und Umgebung leben. Diese hohe Beteiligung
beweist erneut, dass man auch nach mehr als 50 Jahren nach der Vertreibung die
Heimat nicht vergessen hat.
Der Auftakt dieses Jubiläumstreffens erfolgte traditionsgemäß
am Freitagvormittag mit einem Empfang im Wappensaal des Rathauses, zu dem die
Stadt Würzburg geladen hatte. In ihrer Ansprache ging die II. Bürgermeisterin
Marion Schäfer auf die Hisiorie der seit 1956 bestehenden Patenschaft zwischen
der Stadt Würzburg und dem Heimatkreis ein. Sie würdigte die Leistung
der Vertriebenen bei dem Wiederaufbau der zerstörten Stadt. Schäfer
bedauerte, dass der 1998 vom Stadtparlament einstimmig gefasste Beschluss zu
einer Städtepartnerschaft mit Trautenau noch nicht realisiert ist. Diese
Partnerschaft wird es jedoch nur in dem "Dreier-team" Würzburg
Heimatkreis Trautenau geben und versprach auch für die Zukunft
weiterhin Unterstützung. Werner Haase, I.Vorsitzender des Heimatkreises,
dankte für die bisherige Unterstützung und betonte die gute Zusammenarbeit.
Bei einem guten Gläschen Frankenwein und Mohnkuchen nach heimatlichem Rezept
gab es noch viele interessante und anregende Gespräche.
Am Nachmittag fand dann die gemeinsame Sitzung von Vorstand und Beirat in der
Riesenge-birgsstube statt. Hier ging es u. a. um die Vorbereitung eines würdigen
Gedenkens des 125. Geburtstages von Igo Etrich während des Heimattreffens
2004. Der Flugpionier Igo Etrich stammt aus Trautenau und ist der Begründer
des Motorfluges in Österreich.
Offiziell wurde das Treffen am Samstag um 14 Uhr in der Carl-Diem-Halle mit
der Hauptversammlung eröffnet. Es folgte die Tagung der Heimatortsbetreuer.
Die anschließende Mundartstunde gestaltete der Interpret des Riesengebirgsdialektes
Rudi Staffa, der aus alten Aufzeichnungen, Kalendern und Liedertexten vortrug.
Aber auch eigene Werke begeisterten die Zuhörer. Ergänzt wurden diese
Wortbeiträge durch schöne Farbdias von Helmut Hiemer über Trautenau
und das Riesengebirge.
Um 19.30 Uhr begann dann in der Carl-Diem-Halle der Festliche Abend. Hochrangige
Ehrengäste konnten begrüßet werden: So von der Patenstadt die
II Bürgermeisterin Marion Schäfer und den Stadtrat Willi Dürnagel;
das Mitglied des Bundestages, Minister a. D. Wolfgang Bötsch; Frau Staatsministerin
a. D., Barbara Stamm; den Stellvertretenden Landrat Heinrich Freiherr von Zobel;
Prof. Winfried Kreutzer von der Universität Würzburg, vom Flugsportverein
Heinz Graf und Dr. Beck, vom Heimatkreis Hohenelbe Christian Eichmann und Prof.
Hans Pichler, Prof. Roland Wiesner vom Begegnungszentrum Trautenau sowie Repräsentanten
der Vertriebenenverbände der Region.
Staatsministerin a. D. Barbara Stamm wies in ihrem Grußwort daraufhin,
wie beschwerlich es war, die Heimat unter schlimmen Bedingungen zu verlieren,
sich in der Fremde zurechtzufinden und die Zukunft zu planen. Doch jetzt solle
man optimistisch in die Zukunft blicken. "Wir sagen Ja zur Aufnahme der
Tschechischen Republik in die EU - aber Nein zu den Benesch-Dekreten. Wir erwarten,
dass die deutschen Interessen und die der Vertriebenen bei der Osterweiterung
der EU vom Bundeskanzler sowie vom Außenmisler vertreten werden"
betonte Stamm.
In seiner Festansprache ging der 1. Vorsitzende Werner Haase ausführlich
auf die Geschichte der Heimatkreistreffen ein. Bereits 1946 traf man sich erstmals
in der Fremde. Zunächst waren diese Treffen hauptsächlich gekennzeichnet
von der Suche nach den Angehörigen, dem Kampf ums tägliche Leben,
sowie den Gedanken, sich zu finden, die Hoffnungslosigkeit miteinander zu teilen
und sich gegenseitig Mut für die Zukunft zu machen. Der Gedanke, wieder
in die Heimat zurückzukehren, war noch tief verwurzelt. Das Bewußtsein,
die Heimat verloren zu haben, vielleicht für immer, stellte sich erst nach
Jahren ein. Heute dienen diese Zusammenkünfte dem ungebrochenen Bekenntnis
und der Liebe zur Heimat, der Erinnerung an das Gebirge, die Städte und
Dörfer; aber auch ganz speziell der Pflege der Mundart. Während die
ersten Treffen mehr oder weniger lokal begrenzt waren, sind unsere gegenwärtigen
besonders seit der Wende nicht nur wieder deutschland- sondern
auch weltweit, wie Besucher aus den USA, Schweden oder Österreich, aber
auch aus unserer Heimat beweisen. Das größte Treffen war 1948 mit
4000 Landsleuten in Esslingen. Aus den Treffen heraus kam es auch letztlich
zur Bildung des Heimatkreises. 1947 wurde bereits ein Hauptausschuss der Riesengebirgler
unter der Leitung des Altbürgermeisters von Trautenau, Alfons Kolbe, gegründet.
1958 erfolgte die Eintragung ins Vereinsregister unter dem heutigen Namen "Riesengebirgler
Heimatkreis Trautenau". Schließlich verwies Haase auf die großen
politischen Diskussionen, die auch unsere Treffen mit prägten, so unter
anderem das Zusammenbrechen des kommunistischen Machtbereiches, die Benesch-Dekrete
und die EU-Erweiterung. Und Haase schloss: "Das ungebrochene Bekenntnis
und die Liebe zur unserer Heimat werden uns auch in Zukunft zusammenführen.
Solange das Herz eines Riesengebirglers irgendwo auf dieser Well schlägt,
wird sich dieses treu zu seiner Heimat bekennen!" und ergreifend wurden
abschließend gemeinsam das Riesengebirgslied gesungen. Lange saß
man noch zusammen, gedachte der geliebten und unvergessenen Heimat.
Der Sonntag begann mit der Heiligen Messe in der Franziskanerkirche, zelebriert
von Pater Beurle. In seiner Predigt wies Beurle auf Parallelen der Vertriebenen
zu Jesus hin, der ebenfalls seine Heimat verlassen musste. Wichtig sei ein ausgewogenes
Maß zwischen Erinnerung an die Vergangenheit der Gegenwart und der Erwartungen
an die Zukunft. Zur Tradition geworden ist das sich anschließende Totengedenken
im Kreuzgang des Franziskanerklosters.
Am späten Sonntagvormittag fand dann eine Dichterlesung "der etwas
anderen Art" statt. Sie war nämlich nicht nur Autoren, sondern weiteren
bedeutenden Persönlichkeiten unserer Heimat gewidmet, die auf den verschiedensten
Gebieten Großes geleistet haben und damit weit über das Riesengebirge
hinaus bekannt geworden sind. Im ersten Teil las Helmut Hiemer in sehr eindrucksvoller
Weise aus der Erzählung "Die Grube" des Heimatschriftstellers
Gerold Effert. Den zweiten Teil gestaltete Rudi Staffa, der den Zuhören
u.a. folgende Persönlichkeiten vorstellte: Den Schriftsteller Josef Mühlberger,
der als "Adalbert Stifter des Riesengebirges" bezeichnet wird; den
Dichter Othmar Fiebiger der den Text des Riesengebirgsliedes schuf; den Konstrukteur
und Industriellen Igo Etrich, der mit der Etrich-Taube das erste Motorflugzeug
Österreichs baute und damit viele Bestleistungen erzielte - diesem Flugpionier
ist auch die vom Heimatkreis gestiftete Etrich-Medaille gewidmet; den Mediziner
Vinzenz Czerny, der bereits vor dem ersten Weltkrieg ein Institut für Krebsforschung
gründete; den Bildhauer Emil Schwantner, der am Bau des Völkerschlachtdenkmals
in Leipzig mitwirkte; den GMD Fritz Rieger, der sich seit 1949 als Dirigent
bekannter Orchester einen Namen machte.
Traditionsgemäß gehörte dann der Sonntagnachmittag wieder ganz
dem großen persönlichen Wiedersehensfest der Riesengebirgler, da
grundsätzlich keine "offiziellen Veranstaltungen" durchge führt
werden und so genügend Raum für persönliche Gespräche gegeben
ist. Wie alljährlich wurden wieder alte Bekanntschaften aufgefrischt, neue
geschlossen. Und so freut man sich dann schon heute auf das 61. Heimatkreistreffen
im nächsten Jahr, wieder in Würzburg.
Peter Barth