Etwa 800 Riesengebirgler aus dem Kreis
Trautenau waren Mitte Juli, im 60. Jahr nach der Vertreibung, dem Ruf in ihre
Patenstadt Würzburg zum jährlichen Heimattreffen gefolgt. Darunter auch wieder
das Ehepaar Rudolf und Irmgard Wolf, die "Stammgäste" aus Miami /
USA, sowie Deutsche, die heute noch in Trautenau und Umgebung leben.
Traditionsgemäß fand am Freitagvormittag der Empfang der Stadt Würzburg für
den Heimatkreis statt, zu dem neben den Repräsentanten der Partnerstadt sowie
des Heimatkreises zahlreiche Vertreter der Vertriebenenorganisationen Würzburgs
erschienen waren. Gastgeber, Bürgermeister a.D., Stadtrat Erich Felgenhauer,
bekannte sich erneut zum Patenschaftsvertrag, dessen 50-jähriges Bestehen im
nächsten Jahr begangen wird. Felgenhauer wies insbesondere auf die historischen
Berührungspunkte von Franken und Böhmen hin. Werner Haase, 1. Vorsitzender des
Heimatkreises, dankte der Patenstadt für die umfassende Unterstützung und wies
darauf hin, dass wir Trautenauer in Würzburg eine Heimstätte gefunden hätten.
Bei interessanten Gesprächen zeigte sich, dass auch fränkischer Wein und sudetendeutscher
Mohnkuchen, auch in diesem Jahr wieder mitgebracht von Helmut Hiemer, sehr
gut zusammenpassen. Im Anschluss hatten die Gäste Gelegenheit, den Plenarsaal
des Stadtparlamentes kennen zu lernen. Neben der modernen Konzeption fand insbesondere
ein aus 38 Einzelbildern bestehendes Wandgemälde, das eine Gesamtfläche von
300 qm umfasst und auf drei Seiten verteilt ist, große Bewunderung. Es illustriert
in chronologischer Reihenfolge die Geschichte der Stadt Würzburg. In dreijähriger
Arbeitszeit wurde es von dem Würzburger Künstler Wolfgang Lenz in den Jahren
1984 bis 1987 geschaffen. Bemerkenswert ist dabei, dass bereits die Vision der
deutschen Einheit dargestellt ist.
Am Nachmittag fand eine Tagung von Vorstand und Beirat statt. Neben verschiedenen
organisatorischen Problemen, die vor allem den Vorbereitungen des 50. Jahrestages
der Patenschaft Würzburg-Trautenau im Jahre 2006 galten, waren noch letzte Fragen
des bevorstehenden Treffens zu klären.
Der Samstag begann offiziell mit der Hauptversammlung, der in diesem Jahr eine
besondere Bedeutung zukam, da turnusgemäß die Wahl des Vorstandes, Beirates
und der Kassenprüfer auf der Tagesordnung stand. In seinem Referat gab der 1.
Vorsitzende, Werner Haase, einen Überblick über die Arbeit des vergangenen Jahres
und ging insbesondere auf die Lage der Deutsch-Tschechischen Begegnungszentren
ein, bei denen gegenwärtig die finanziellen Probleme eine große Rolle spielen.
Eine Analyse der Mitgliederentwicklung sowie der Beitrags- und Spendenaufkommen
der letzten Jahre wurde von Helmut Hiemer vorgetragen. Haase lobte die hohe
Spendenbereitschaft und dankte dafür. Nach Bestätigung der Rechenschaftsberichte
und Entlastung des Vorstandes erfolgte die Wahl, bei der die langjährigen Amtsträger
erneut das Vertrauen erhielten. Als satzungsgemäßer Vorstand, d.h., 1. und 2.
Vorsitzender, wurden wieder Werner Haase und Margarete Dorsch, als Kassiererin
Christine Geißendörfer bestätigt. Auf Grund der Weiterführung der Ämter der
bisherigen Beiräte sowie der Kassenprüfer kann auf die einzelne Nennung verzichtet
werden. Erweitert wurde der Beirat durch Sieghart Rind, der für die Familienforschung
zuständig ist.
Anschließend die Tagung der Heimatortsbetreuer. Hier konnte der 1. Vorsitzende
feststellen, dass fast alle 100 Gemeinden des Kreises betreut werden und dankte
für die verantwortungsvolle Arbeit. Er forderte die Anwesenden auf, möglichst
viel Erlebtes noch niederzuschreiben und der Heimatstube zur Verfügung zu stellen.
Nur auf diese Weise kann unsere Geschichte unverfälscht der Zukunft erhalten
bleiben. Ein weiteres Thema war die Arbeit der Redaktion der Riesengebirgsheimat,
in der durch den plötzlichen Tod des langjährigen Redakteurs, Wolfgang Bauer,
ein Wechsel notwendig wurde. Übernommen wurde dieses Amt durch den Protokollführer
und Beirat für Öffentlichkeitsarbeit des HK Trautenau, Peter Barth aus Trautenau,
jetzt Barth an der Ostsee, der in diesem Kreis bereits seit vielen Jahren bekannt
ist.
Es folgte eine Mundartstunde mit Rudi Staffa, einem hervorragenden Interpreten
der Heimatsprache der Riesengebirgler. Für den Vortragenden ein besonderes
Jubiläum. Vor 20 Jahren, 1985 beim Treffen in Geislingen, gestaltete Staffa
seine erste Mundartstunde vor diesem Zuhörerkreis und hat sie in der Folgezeit
regelmäßig weitergeführt immer in dem Wunsch, unserer Heimatsprache bei
den Treffen einen besonderen Platz zu geben. So wurde auch diese Veranstaltung
zu einem Ort der dankbaren Erinnerung an die längst verstorbenen Heimatschriftsteller
Olga Brauer, Alfred Fischer, Pater Meinrad, Gustel Steiner und Josef Tatsch.
Staffa bewies erneut, wie sehr ihm die Pflege und Wiedergabe unserer Heimatsprache
am Herzen liegt. Ein herzlicher Beifall war der Lohn.
Beim Festlichen Abend in der "s. Oliver Arena" konnten auch in diesem
Jahr wieder hochrangige Ehrengäste begrüßt werden. An der Spitze der Präsentanten
der Patenstadt Bürgermeisterin Marion Schäfer. Schäfer gab ein klares Bekenntnis
zur Patenschaft ab und bestätigte erneut, dass es eine Patenschaft mit Trautenau
nur unter Einbeziehung des Heimatkreises geben werde. Allerdings ist eine Realisierung
gegenwärtig nicht absehbar. Von den zahlreichen Vertretern der Vertriebenenorganisationen
sei hier nur Karl Nausch, Vizepräsident der SL-Bundesversammlung, genannt. Grußworte
sprachen weiterhin Paul Lehrieder, stellv. Landrat, Alfred Kipplinger, Bezirksobmann
der SL Unterfranken sowie Christian Eichmann, 1. Vorsitzender des Heimatkreises
Hohenelbe. Schriftliche Grußworte hatten Franz Longin, Vorsitzender des Sudetendeutschen
Heimatrates und Mitglied des Bundesvorstandes der SL, sowie Prof. Roland Wiesner,
Vorsitzender des Vereins für Deutsch-Tschechische Verständigung in Trautenau,
übermittelt. In seiner Festansprache ging der alte und neue 1. Vorsitzende,
Oberst a. D. Werner Haase, erneut in seiner bekannten Art mit den Regierungen
der Bundesrepublik und der Tschechischen Republik hart ins Gericht und verschonte
diesmal auch die Alliierten nicht. Der nur unwesentlich gekürzte
Wortlaut wird im Anschluss an diesen Bericht wiedergegeben.
Während des Festabends erfolgt auch die alljährliche Verleihung der Igo-Etrich-Plakette,
der höchsten Ehrung des Heimatkreises. In diesem Jahr wurde Günther Scholz (Wolta
- Rotenburg / Fulda) für seine umfassenden Arbeiten zu dem Schaffen des Flugpioniers
Igo Etrichs sowie für seine Dokumentation des Segelfluges im Sudetenland ausgezeichnet.
Die Dokumentation ist anlässlich der Igo-Etrich-Präsentation beim vorjährigen
Heimattreffen vorgestellt worden. Mit der Ehrenmitgliedschaft des Heimatkreises
wurden die Heimatortsbetreuer von den beiden Ortsteilen von Gross-Aupa, Ludwig
Bönsch und Franz Bönsch, geehrt. Neben der vorbildlichen Heimatortsbetreuung
und der Erstellung von Ortschroniken werden damit vor allem die großen Verdienste
um die Heimattreffen der Aupataler, in diesem Jahr bereits zum 14. Mal im Harz,
also bereits kurz nach der Wende beginnend, anerkannt.
Spontan trat der 85-jährige Johann Ullrich aus Pilnikau, heute Bremerhaven,
an das Rednerpult. Mit erregter Stimme berichtete er, dass ihm 1944 von einem
jüdischen Arzt in einem amerikanischen Lazarett in der Normandie das Leben gerettet
wurde. Heute, nach 61 Jahren, erfülle er das Vermächtnis, öffentlich von dieser
Tat in Deutschland zu berichten.
Den anschließenden volkstümlichen Teil gestalteten im wesentlichen Helmut Hiemer
(Klarinette), der den gesamten Abend moderierte, sowie Karlheinz Kolar (Schifferklavier),
der Mundartvorträge zu Gehör brachte. Zu Gast war auch wieder der gemischte
Chor aus Reichenberg / Unterfranken. Unter der Leitung von Thomas Neugebauer
wurden mit großem Können und Einfühlungsvermögen Volkslieder und Lieder unserer
Heimat, darunter auch von Otmar Künl, dargeboten. Und zum Schluss wurde noch
einmal, angeführt durch die Stimmgewalt von Pfarrer Wenzel Baudisch, gemeinsam
und ergreifend das Riesengebirgslied gesungen.
Der Sonntagvormittag begann mit einem Gottesdienst in der Franziskanerkirche
im Stadtzentrum, zelebriert von den Heimatpfarrern Wenzel Baudisch (Berggraben
/ Iphofen) und Karlheinz Fiedler (Marschendorf / Dingelfingen). Das schwere
Los der Vertreibung, aber auch die Versöhnung waren die Themen der Predigt.
Die Kollekte von etwa 500,- Euro, einschließlich eines "Auffüllbetrages",
wird dem Bischof von Königgrätz, Dominik Duka, für den Erhalt heimatlicher Kirchen
zur Verfügung gestellt. Anschließend das Totengedenken mit Helmut Hiemer im
Kreuzgang des Franziskanerklosters, bei dem in diesem Jahr besonders dem im
März plötzlich verstorbenen Wolfgang A. Bauer, Ehrenvorsitzender des Heimatkreises
und langjähriger Redakteur der Riesengebirgsheimat, gedacht wurde.
Am späten Vormittag eine Lesung "Lebensbilder von berühmten Sudetendeutschen"
mit Helmut Hiemer. Vorgestellt wurden u.a. der Konstrukteur Ferdinand Porsche
sowie der Opernsänger Josef Tichatschek. Viele weitere Namen, bekannte, aber
auch unbekannte, konnte Hiemer nennen. Alle ein Beweis der großen Schöpferkraft
unserer Vorfahren, aber auch unserer Generation. Diese Reihe soll im nächsten
Jahr fortgesetzt werden.
Und natürlich waren auch wieder die Verkaufsstände des Helmut Preußler Verlages,
der Karlsbader Oblaten sowie der traditionellen Gesundheitspflegemittel anwesend.
Neu war in diesem Jahr eine Tondia-Show über die Schönheiten unserer Heimat.
Sie wurde mit viel Sachkenntnis und großer technischer Kompetenz von Helmut
und Rainer Hiemer zusammengestellt und während des gesamten Treffens in einer
"ruhigen Ecke" der Halle der "s. Oliver-Arena" interessierte
Zuhörer fand. Traditionsgemäß gehörte dann der Sonntagnachmittag wieder ganz
den persönlichen Begegnungen ein wichtiges Anliegen unserer Veranstaltungen.
Zurückblickend kann dieses Treffen als ein voller Erfolg eingeschätzt werden.
Auch die Resonanz in den Printmedien war wieder sehr gut. Beide große Tageszeitungen
Würzburgs informierten im Vorfeld und berichteten bereits am Montag. Und auch
in den sudetendeutschen Zeitungen in Deutschland und Österreich waren wir präsent.
Wenn dieser Bericht erscheint, dann ist auch das 4. Nordtreffen der Riesengebirgler
bereits "Geschichte" und so können wir uns schon auf das Wiedersehen
beim 63. Heimatkreistreffen vom 15. bis 16. Juli 2006 freuen. Gemeinsam mit
der Stadt Würzburg werden wir dann den 50. Jahrestag der Patenschaft feiern.
Peba